Die Welt durch Pferdeaugen sehen

16.05.2018 13:20

Da Pferde zu den Fluchttieren gehören, ist ein guter Sehsinn für Pferde in freier Wildbahn besonders wichtig. Nicht nur die anatomische Lage unterscheidet die Augen von denen des Menschen. Um das Verhalten eines Pferdes besser zu verstehen, hilft es, sich anzusehen, wie Pferde die Welt durch ihre Augen wahrnehmen.

Nahaufnahme eines Pferdeauges

Die Besonderheiten des Pferdeauges

Fluchttier mit Rundumblick:

Pferde besitzen ein sehr großes Gesichtsfeld. Sie können fast 330 Grad überblicken ohne den Kopf zu drehen und besitzen dadurch nahezu einen Rundumblick. Als Fluchttiere ermöglicht ihnen dies mögliche Feinde in der Natur schnell zu entdecken. Auch die längliche, querovale Pupille macht den „Panorama-Rundumblick“ möglich. Zum Vergleich: Wir Menschen können lediglich 200 Grad überblicken. Grund für den guten Überblick ist die seitliche Anordnung der Augen. Lediglich hinter dem Schweif haben Pferde einen toten Winkel von etwa 30 Grad, sowie ein keiner Bereich direkt vor der Stirn.

Die seitliche Anordnung der Augen hat jedoch den Nachteil, dass Pferde nur vorne, in einem Bereich von etwa 60 Grad, ihre Umgebung dreidimensional (binokulares Sehen = beidäugig sehen) wahrnehmen. Seitlich des Kopfes sehen sie nur zweidimensional (monokulares Sehen = einäugig sehen). Wenn Pferde etwas genauer inspizieren wollen, versuchen sie daher das Objekt ins räumliche Sichtfeld zu bekommen. Lassen Sie Ihrem Pferd daher in einer solchen Situation genügend Kopffreiheit, damit es seine Umgebung genau betrachten kann.

Auch der Blickwinkel nach oben ist eingeschränkt, da Pferde keine natürlichen Feinde haben, die von dort aus angreifen. Dies ist der Grund warum Pferde den Kopf vor einem Hindernis nach oben nehmen müssen. Sie würden den Sprung sonst nur unscharf sehen.

Die besondere Verknüpfung:

Eine weitere Besonderheit hat wohl jeder Reiter schon einmal erlebt, aber vielleicht den Grund dafür nicht verstanden: Das Pferd geht gelassen an einem Gegenstand am Rand der Reitbahn vorbei. Reitet man auf der anderen Hand daran vorbei, scheut es auf einmal. Dabei müsste es den Gegenstand doch wiedererkennen, oder? Die Antwort ist jedoch: Nein!

Bei Pferden ist das linke Auge mit der rechten Gehirnhälfte verbunden und das rechte Auge mit der linken Gehirnhälfte. Die Verknüpfung der Gehirnhälften durch den Corpus Callosum (Balken) funktioniert nicht immer reibungslos. Die Übertragungsrate der Informationen ist nicht so hoch wie bei uns Menschen. Deshalb kann es passieren, dass ein Gegenstand der auf der linken Hand gesehen wurde, auf der rechten Hand nicht wiedererkannt wird. Die Informationen zum Gegenstand wurden nicht von der einen Gehirnhälfte zur anderen übermittelt. Das Pferd muss die Situation also neu einschätzen.

Ferner wird sogar vermutet, dass Pferde auf der linken Hand häufiger scheuen als auf der rechten. Grund dafür soll sein, dass die rechte Gehirnhälfte, die mit dem linken Auge verbunden ist, das emotionale Gehirnzentrum beinhaltet. Bei unruhigen Pferde wurde beobachtet, dass sie häufiger das linke Auge nutzen. Ruhige Pferde betrachten unbekannte Situationen in ihrer Umgebung überwiegend mit dem rechten Auge.

Farbenwelt:

Auf der Netzhaut eines Pferdeauges befinden sich nur 2 Arten von Zapfen. Deshalb zählen Pferde wie fast alle Säugetiere zu den Dichromaten. Sie sind in der Lage kurz- und mittelwelliges Licht zu verarbeiten. Zapfen für langwelliges Licht fehlen. Daher sind Pferde nicht in der Lage die Farbe Rot zu sehen. Sie nehmen ihre Umgebung in blau, gelblich-grün und in Grautönen wahr, ähnlich wie Menschen mit Rot-Grün-Schwäche.

Da Pferde Blau am besten sehen können, wird die Farbe für Hindernisse oder Absperrungen empfohlen.

Fokussierung:

Die Umstellung (Adaption = Gewöhnungsphase) des Auges von Helligkeit zu Dunkelheit erfolgt bei Pferden langsamer als bei uns Menschen. Aus diesem Grund fällt es einigen Pferden anfangs schwer, in einen dunklen Anhänger zu steigen. Hat sich das Auge an die geänderten Lichtverhältnisse angepasst, können Pferde bei Dämmerung jedoch besser sehen, als wir.

Pferde tendieren zur Weitsichtigkeit, um Raubtiere in der Natur frühzeitig schon aus der Ferne zu erkennen. Um Objekte im Nahbereich zu fokussieren (Akkommodation) brauchen Pferde länger als Menschen. Für das Pferd als Fluchttier ist es nicht wichtig jedes kleine Detail scharf sehen zu können, sondern jede kleine Bewegung wahrzunehmen. Deshalb versuchen Pferde immer den Horizont im Auge zu behalten.

Augenfarben:

Die am häufigsten auftretende Augenfarbe bei Pferden ist ein dunkles braun. Bei einigen erscheinen sie fast schwarz. Seltener sind bei Pferden blaue bis blau-grüne Augen zu entdecken. Je mehr Melanin (Farbpigmente) in der Regenbogenhaut (Iris) gebildet wird, desto dunkler die Augenfarbe.

Fischauge: So nennt man ein besonders helles, glasiges, blauweißes Auge. In diesem Fall fehlen die Farbpigmente im Irisstroma. Die hintere Schicht (Pigmentblatt) der Iris schimmert hindurch und lässt das Auge blau erscheinen.

Pony mit Fischauge
Bei diesem kleinen Pony kann man das blaue Fischauge gut erkennen.

Menschenauge: Um die farbige Iris herum ist das Weiße des Augapfels sichtbar, auch wenn das Pferd die Augen nicht bewegt.

Birkauge / Glasauge: Bei einem Birkauge weist die Iris ein oder mehrere weiße Flecken auf. In diesen Bereichen liegt ein Pigmentmangel vor. Ist die gesamte Iris weiß, spricht man von einem Glasauge.

Traubenkörner: Um das Auge vor zu hoher Lichteinstrahlung zu schützen, kann sich die Pupille zusammenziehen. Zusätzlich zu diesem Mechanismus besitzen Pferde sogenannte Traubenkörner (lat. Granula iridica). Diese sind als dunkle Flecken am oberen und unteren Rand der Pupille zu erkennen. Es wird vermutet, dass sie die Pupillenöffnung zusätzlich begrenzen sollen und so das Auge vor zu hohem Lichteinfall schützen. Außerdem sollen sie an der Produktion des Kammerwassers beteiligt sein. Traubenkörner sind dunkel pigmentierte Vergrößerungen des blinden, lichtunempfindlichen Teils der Netzhaut (Retina). Ihre Größe und Anordnung ist bei jedem Pferd individuell. Dadurch können sie auch zur Identifizierung dienen.

Augenerkrankungen

Einige Augenerkrankungen sind allgemeingültig für viele Tierarten. Dazu gehören zum Beispiel Bindehautentzündungen, Grauer Star (Katarakten), Grüner Star (Glaukom), Nickhautvorfall oder Verletzungen der Hornhaut. Es gibt jedoch einige Augenerkrankungen, die für Pferde spezifisch sind bzw. häufig auftreten.

Mondblindheit / periodische Augenentzündung / Equine rezidivierende Uveitis (ERU)

Bei dieser Augenerkrankung ist die mittlere Augenhaut (Uvea) des Pferdes entzündet. Die Entzündung tritt ein- oder auch beidseitig in Intervallen auf. Jeder neue Schub verschlechtert die Sehleistung des Auges. Die Bindehaut ist gerötet, die Augenlider sind geschwollen, die Hornhaut und die Linse werden trüb (Hornhautödem). Die Krankheit kann zur Erblindung führen und ist bislang nicht heilbar, kann jedoch mit einer entsprechenden Behandlung verzögert werden. Teilweise wird die Erkrankung jedoch erst bemerkt, wenn bereits eine massive Sehstörung vorliegt. Als Ursache wurden zunächst Bakterien vermutet. Heute geht man jedoch von einer immunassoziierten Reaktion aus. Die periodische Augenentzündung ist die am häufigsten auftretende Augenerkrankung bei Pferden.

Keratomykose

Bei der Keratomykose handelt es sich um eine Pilzinfektion der Hornhaut. Diese äußert sich jedoch durch ein vielfältiges Krankheitsbild und stellt den Tierarzt daher vor eine diagnostische Herausforderung. Das Auge tränt und die Hornhaut weist Läsionen aus. Es kann zu Gefäßeinsprossung und Trübung der Hornhaut kommen. Damit ist sie nur schwer von einer einfachen Hornhauterosion zu unterscheiden. Eine Pilzinfektion entsteht meist nach einer Verletzung der Hornhaut. Für den Nachweis der Pilzhyphen wird ein Abstrich der Hornhaut für eine zytologische Untersuchung entnommen. Die Behandlung kann lokal mit einem Antimykotika erfolgen. Zusätzlich wird Antibiotika verabreicht, um eine Sekundärinfektion durch Bakterien auszuschließen. Wachsen die Pilzhyphen jedoch ins Augeninnere, kann das Auge irreversibel zerstört werden.

Herpeskeratitis

Diese entzündliche Erkrankung der Hornhaut kann nach einer Infektion des Pferdes am equinen Herpesvirus auftreten. Die Bindehaut ist gerötet und die Hornhaut zeigt viele punktförmige weiß-gräuliche Trübungen. Das Auge ist lichtempfindlich und tränt. Es kann zu Einsprossung von Blutgefäßen kommen. Herpesviren können im Ruhestadium im Körper verbleiben. Ist das Immunsystem geschwächt, können sie wieder aktiviert werden und eine erneute Entzündung der Hornhaut verursachen. Die Behandlung der Herpeskeratitis kann lokal mit Virustatika erfolgen.

Plattenepithelkarzinom

Das Plattenepithelkarzinom ist der häufigste Tumor, der im Bereich der Augenlider, der Nickhaut oder am Übergang von Bindehaut zur Hornhaut, auf unpigmentierten Stellen vorkommt. Das Karzinom ist meist rosa gefärbt und hat eine unregelmäßige, blumenkohlartige Oberfläche. Im Bereich der Bindehaut/Hornhaut kann die Wucherung zur Erblindung führen. Ein Plattenepithelkarzinom am Augenlid oder der Nickhaut behindert den Lidschluss und führt zu einer mechanischen Reizung. Das Plattenepithelkarzinom tritt häufig bei bestimmten Rassen wie Haflinger, Appaloosa und Belgier und bei älteren Pferden auf. Ohne Behandlung kann sich der Tumor auch in angrenzendes Gewebe ausdehnen.

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Autor dieses Artikels: Isabella

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