Das Rentnerpferd – würdevoll altern und artgerechte Haltung

15.03.2016 16:38

Meine Hannoveraner Fuchs-Stute „Golden Gate“ wird in diesem Jahr 27. Das entspricht etwa 80 Menschenjahren (siehe Tabelle). Mit 22 Jahren zeigte sie erste Alterserscheinungen: Ihr Gang wurde steifer, sie ergraute zusehends. Ihre Stichelhaare an Kopf und Bauch vermehrten sich rasant und jeder Fellwechsel zog sich übermäßig in die Länge. Besonders beunruhigt war ich darüber, dass sie trotz guter Pflege und Haltung immer dünner wurde. Eines Tages rief mir meine damalige Reitlehrerin während einer Unterrichtsstunde zu: „Lass es gut sein! „Goldi“ hat genug gearbeitet! Gönn ihr den Ruhestand!“ Durch diesen Satz brach für mich eine Welt zusammen.

Rentnerpferd Golden Gate

Ich hatte „Goldi“ 10 Jahre zuvor aus einem Schulpferd-Betrieb herausgekauft. Sie hat mir praktisch das Reiten beigebracht. Zum Dank habe ich mich immer um ihr Wohlergehen gekümmert. Wir haben tolle Reitjahre miteinander verbracht, in denen ich mich auch im Gelände immer 100-prozentig auf meine „Große“ verlassen konnte – und sie sich auf mich. Nun sollte das Alles plötzlich vorbei sein!?

Ein neuer Lebensabschnitt

Anfänglich konnte ich nur schwer akzeptieren, dass mein Pferd nicht mehr reitbar war, und für uns beide ein neuer Lebensabschnitt beginnen sollte. Ich unternahm noch einige halbherzige Reitversuche, die immer mit einem schlechten Gewissen und einem erschöpften Pferd endeten. Daraufhin entschied ich mich schweren Herzens, meine alte „Gefährtin“ mit 23 Jahren in Rente zu schicken. Seit vier Jahren steht Goldi nun gemeinsam mit anderen Pferden in Nähe der heimischen Reitanlange auf einer riesigen Weide mit „Unterstand“. Sie hat viel Bewegung und kann mit ihren Weidekollegen soziale Kontakte pflegen. Hierdurch ist die inzwischen hochbetagte Dame, abgesehen von einigen Zipperlein, nach wie vor in guter Verfassung.

Beschäftigung – das A und O für ein gesundes Altern

Das heißt aber nicht, dass ich mich zurücklehnen kann, denn Pferden, die ein Leben lang gearbeitet haben, bekommt es gar nicht gut, wenn sie von heute auf morgen zum Nichtstun verdammt werden. Ohne Aufgabe bauen sie rasch körperlich und geistig ab. Diesem Prozess kann man durch sinnvolle Beschäftigung mit seinem „Senior“ entgegenwirken. Selbst für hochbetagte Pferde gibt es eine Reihe sinnvoller Beschäftigungen, die Pferd und Mensch Spaß machen.

Für meine Seniorin sind beispielsweise gemeinsame Spaziergänge eine willkommene Abwechslung zu ihrem Weidealltag. Da sie nicht mehr so „hitzig“ ist, kann ich sie als „Handpferd“ auf Ausritten mitnehmen. Auch wenn sie für Erwachsene nicht mehr reitbar ist, können sich Kinder noch immer problemlos in ihren Sattel schwingen. Die nahegelegene Reitanlage ermöglicht Bodenarbeit, die ihr guttut und die sie fordert. Gerade diese direkte Zusammenarbeit und Kommunikation genießen wir beide sehr. Genauso wie die regelmäßige Fell- und Hufpflege.

Altersgerechte Fütterung ist unerlässlich

Wie alt ein Pferd wird, hängt auch maßgeblich von der Ernährung ab. Rentnerpferde benötigen ein besonderes Futter, das ihren, in der Regel, „abgekauten“ Zähnen und dem träge gewordenen Verdauungsapparat Rechnung trägt. Viele der in die Jahre gekommenen Pferde werden schwerfuttrig und können das Standardfutter nur noch schlecht verwerten. Alte abgemagerte Pferde wieder aufzufüttern ist schwierig. Daher sollte der Halter immer ein Auge auf seinen Senior haben, und Futter mit einem hohen Protein- und Faseranteil wählen. Als Basisfutter dienen Heu und Ballensilage. Getreide sollte möglichst gequetscht angeboten und durch Vitamine, Mineralien und Spurenelemente ergänzt werden. Viele Fertigfuttermittel für Seniorenpferde bieten diese Inhaltsstoffe mit an. Das für die Gesundheit besonders wichtige Vitamin A erhalten die Pferde über Futtermöhren, die man am besten zusammen mit Leinöl gibt. Mein Pferd liebt darüber hinaus Steckrüben- und Rote Beete-Schnitze, die nicht nur sehr lecker, sondern auch so gesund sind.

Ich betrachte die Zeit mit meiner alten Dame als großes Glück und hoffe, dass es noch eine Weile anhält.

Das Pferdealter in Menschenjahren

3 Pferdejahre = 20 Menschenjahre*
5 Pferdejahre = 25 Menschenjahre
10 Pferdejahre = 37 Menschenjahre
15 Pferdejahre = 50 Menschenjahre
20 Pferdejahre = 62 Menschenjahre
25 Pferdejahre = 75 Menschenjahre
30 Pferdejahre = 87 Menschenjahre
35 Pferdejahre = 100 Menschenjahre

*Menschenjahre gerundet © www.pferderevue.at

Hilfreiche Links zum Thema Rentnerpferd:

Autor dieses Artikels: Andrea

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