Anweiden im Frühling – und jedes Jahr auf's Neue

06.04.2016 18:33

Die ersten Knospen sprießen, Sonnenstrahlen glitzern auf der Wiese und man hört das erste Vogelgezwitscher. So wie auch wir uns nach dem Frühling sehnen, so spürt man geradezu die Freude unserer Pferde, wenn es endlich wieder auf die geliebte Weide geht und die lange Stallzeit somit überstanden ist. Wie jedes Jahr beginnt auch nun wieder die Zeit des Anweidens. Warum ist das langsame Gewöhnen an das Gras so wichtig, und welche Zeitabstände sind empfehlenswert? Pferd und Reiter - das Anweiden ein wenig auf die Schippe genommen…und konkrete Antworten von Tierärztin Lisa Butterweck lesen Sie in diesem Beitrag.

Pferd und Reiter beim Anweiden

Jedes Jahr aufs Neue macht sich meist gegen Anfang April im Stall eine gewisse Unruhe bemerkbar. Grundsätzlich kann man sagen, zu einer gewissen Vorfreude, die wohl alle miteinander vereint, zeigt sich die beginnende Weidezeit bei dem einen mit zusätzlichen hektischen Fläcken im Gesicht, während der andere wiederum die Sache relativ gelassen erst Mitte des Monats angeht und bemüht ist, sich von der ganzen Hektik nicht anstecken zu lassen… Da gibt es die Fraktion, die wirklich und dieses darf durch nichts auf der Welt verhindert werden, das Angrasen jeden Tag um drei Minuten steigern…den Strick mitsamt Pferd in der einen und der akribische Blick auf die Uhr der anderen Hand…dieses Scenario darf natürlich unter keinen Umständen gestört werden- diese Gruppe ist somit, zumindest für den Monat April für niemanden mehr zu sprechen, zumindest nicht in der hochsensiblen Anfangsphase…dabei muss man bedenken, dass somit der gesamte Monat natürlich ausschließlich für das Pferd geblockt ist. Wie lange am Ende, sei es in der prallen Sonne oder im starken Regen, tatsächlich draußen gestanden und gewartet wird, kann sich jeder ausrechnen… Als wäre das nicht alles aufregend genug, kommen neue Gruppenzusammenstellungen hinzu, was für einige Besitzer knapp an der Grenze des Verkraftbaren steht…Außenstehende können diese Wochen, in denen für nichts anderes mehr Zeit zu sein scheint, nur schwer verstehen…dann gibt es diejenigen, die ein langsames Gewöhnen für ebenso wichtig erachten, aber doch ein wenig entspannter sind, die Zeiten werden kontinuierlich um 15 Minuten erhöht, so dass das Pferd bei Beginn der Weidesaison stundenweise freien Auslauf mitsamt des frischen Grases genießen kann…

Spaß beiseite, denn natürlich hat das ganze einen ernsten Hintergrund.

Wieso ist das langsame Gewöhnen also so wichtig, und was kann im schlimmsten Fall passieren?

Nach der langen Winter/ Stallzeit sollten die Pferde langsam an das Gras gewöhnt werden. Sofern sie nicht in den Genuss einer Winterweide gekommen sind, handelt es sich strenggenommen um eine Futterumstellung. Im Frühjahr weist das Gras einen hohen Fruktangehalt auf, dieser kann bei zu schnellem, übermäßigem Verzehr zu Koliken und Hufrehe führen.

Nach einer kontinuierlichen, langsamen Gewöhnung über einen Zeitraum von mindestens zwei, idealerweise vier wochen gehen Experten davon aus, dass sich der Magen-Darm-Trakt des Pferdes an das Gras, beziehungsweise an Fruktan und Eiweißgehalt gewöhnt hat.

Pferd Weidegang auf Koppel

Interview mit Tierärztin Lisa Butterweck

Im Zuge des Verfassens dieses Artikel hatte ich die Chance, ein Interview mit der Tierärztinh Lisa Butterweck durchzuführen, welches weitere interessante Aspekte des Anweidens beleuchtet.

Wie lange sollten Pferde grundsätzlich angeweidet werden?

Pferd sollten grundsätzlich über einen Zeitraum von mindestens 2 Wochen (besser 4 Wochen) angeweidet werden, damit sich der Magen-Darm-Trakt an das frische Gras gewöhnen kann.

Wie verhält es sich Ihrer Meinung nach mit den Zeitangaben?

Die Zeitangaben sind variabel. Es gibt durchaus Pferde, die sehr viel empfindlicher auf das frische Gras reagieren, als andere. Pferde, die bekannterweise sehr schnell mit einer Kolik auf jegliche Art von Futterumstellung, v.a. bei frischem Gras, reagieren, sollten behutsamer angeweidet werden. Hier ist eine tägliche Steigerung um 5 bis 10 Minuten vernünftig. In der Regel ist aber eine tägliche Steigerung von 15 bis 20 Minuten absolut ausreichend. Allerdings ist gerade die Anfangsphase „gefährlich“.

Welche Risiken gibt es?

Risiken sind v.a. Koliken und Hufrehe.

Welches sind die ersten Symptome bei Nichtvertragen?

Die klassichen Symptome einer Kolik, also wiederholtes Hinlegen, Wälzen, Treten unter den Bauch, unruhiges Verhalten, Schweifschlagen, Schwitzen, Flehmen und Futterverweigerug.

Die ersten Anzeichen einer Hufrehe sind Entlastung der Vorderbeine, schmerzhaftes Wenden, klammer Gang, vemehrte Belastung der Hinterhand, warme Hufe, wechselnde Belastung der Vorderhand, erschwertes Hufegeben und vermehrtes Liegen.

Und die Pferde, die das ganze Jahr, also auch auf der Winterweide waren?

Auch hier gilt: Anweiden ist wichtig. Diese Pferde müssen ebenso an das frische Gras gewöhnt werden, da das Gras auf einer Winterweide im Normalfall längst nicht so energiereich ist, wie das frische Gras im Frühjahr.

Ein persönlicher Tipp von Ihnen?

Mein Tipp ist die Pferde gerade in der Anfangszeit gut zu beobachten und bei auffälligen Symptomen lieber früher den Tierarzt zu rufen.

Wie handhaben Sie das Anweiden?

Leider fehlt mir die Zeit für ein eigenes Pferd, daher entfällt bei mir das Anweiden ;-)

Vielen Dank für das Interview Frau Butterweck!

Wir freuen uns von Ihren Erfahrungen zu hören und wünschen Ihnen eine schöne und vor allem gesunde Weidesaison!

Autor dieses Artikels: Stephanie

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